Über das Heroische | Wechselwelt

Es ist – aus Sicht des Historikers – kaum lang her, dass es in Europa eine Identität des (nationalen) Heldentums gab. Das belegt beispielsweise die Euphorie zum Beginn des Ersten Weltkrieges: Für das Vaterland in den Krieg zu ziehen und zu sterben galt als ehrenhaft. Heute hingegen gibt es dieses Heldentum nicht mehr. Wo ist es hin und handelt es sich hierbei um einen Verlust? Ein Essay.

Das Bewusstsein des Heldentums und der Ehre wurde nicht nur gesellschaftlich, sondern auch politisch massiv geprägt. Bereits Kinder lernten im Zuge ihrer Schulbildung bereits wichtige Kriegshelden ihrer Nation kennen – mit dem Ziel, dass sie versuchen werden in deren Fußstapfen zu treten. Es war der Glaube, dass man selbst als Held kriegsentscheidend in die Schlacht ziehen würde, der die Menschen motivierte, bis aufs letzte zu Kämpfen.

Dieser Glaube an das Heldentum bzw. an das eigene Individuum war allerdings, wie die Historie zeigt, eher ein wichtiger Bestandteil für die größten Leiden der modernen Welt. Es soll in diesem kurzen Essay nicht um den Einfluss des Heroischen auf die beiden Weltkriege gehen, vielmehr möchte ich ergründen ob ein Heldentum der Bewältigung moderner Krisen zuträglich oder schädlich ist. Tatsache ist, dass man – zumindest in Deutschland – nach dem zweiten Weltkrieg massiv die deutsche Identität versuchte von ihrer Erzählweise des Heldentums zu lösen.

Kritik am Heldentum

Wie sich gezeigt hat, birgt das Heroische durchaus Gefahren: Denn damit einhergehend wird auch der Selbstsucht, dem Egoismus, dem Neid und vielen anderen schädlichen Eigenheiten der Weg geebnet. Moderne Krisen sollte man nicht auf den Schultern einzelner Individuen bewältigen, sondern als gesellschaftliche Herausforderung wahrnehmen und meistern. Denn die meisten Problemsituationen, bei denen man instinktiv nach einem Helden verlangen würde, sind wesentlich facettenreicher als sie auf den ersten Blick erscheinen.

(Foto: Archiv Flade.) Kriegseuphorie, getragen von Heroismus?

Ein erfolgreicher Soldat einer blutigen Schlacht, der seine Kameraden im Schützengraben vielleicht einen Tag länger vom Tod abhält, hat als Individuum agiert und aus der Sicht seiner Kameraden gewiss etwas Heldenhaftes getan. Diese Perspektive ist allerdings zu eingeschränkt, denn der eigentliche Krieg – also die eigentliche Krise – wird dadurch nicht bewältigt. Auch ein für dieses Szenario fingierter Politiker, der eine Einigung in der Kriegssache des ersten Weltkrieges herbeirufen konnte, ist aus einer gewissen Perspektive vielleicht als Held anzusehen, denn er trägt dazu bei, dass die Krise bewältigt wird. Doch die tatsächliche Krise ist ein Phänomen des Hasses. Erst, wenn Deutsche, Franzosen und Engländer sich menschlich gegenübertreten können und sinnbildlich Hand in Hand miteinander Leben, ist die Krise bewältigt.

Die Bewältigung dieser Krise der zwei Weltkriege hat wesentlich länger gedauert als bis in den Mai 1945. Zum Teil ist die Krisenbewältigung sogar im Gange. Es geht um die Versöhnung der einst im Krieg stehenden Gesellschaften. Ich als Individuum trage einen Teil dazu bei, indem ich weltoffen agiere, Vorurteile gegen andere Nationen vermeide, mich als Pazifist identifiziere und so weiter. Die konkrete Art und Weise, wie ich persönlich an der Bewältigung dieser Krise mitwirke (obwohl ich keinen der beiden Weltkriege erlebt habe) ist anti-heroisch. Ja sie ist sogar in meinem sozialen Umfeld selbstverständlich.

(Foto: picture alliance) Die Deutsch-Französische Freundschaft ist ein wichtiger Bestandteil der fortwährenden Krisenbewältigung.

Die Weltkriege als historisches Ereignis sind aus unserer modernen Perspektive bereits lang her, die wenigsten haben noch einen aktuellen Bezug zum Kriegsgeschehen. Die Bewältigung der daraus resultierenden Krise hingegen ist noch nicht komplett abgeschlossen – allerdings auf einen sehr guten Weg dorthin. Sie kann als Beispiel, ja vielleicht sogar als Wegweiser oder Muster dafür gelten, wie wir mit anderen modernen Krisen umgehen können und wie wir sie bewältigen können. Egal, ob es sich dabei um die Klimakrise, die Pandemie, die Datenschutzkrise oder eine beliebige andere Situation handelt: Für alle Krisen gilt, dass ein Held uns daraus nicht befreien kann.

Die Perspektive des Antiheroischen

Wir können nur als (Welt-) Gemeinschaft den Krisen entgegentreten. Es führt nicht zum Ziel, sich als Held zu stigmatisieren, denn daraus entstehen zu leicht egoistische oder ausgrenzende Züge. Wir müssen besser sein als die hurraschreienden Soldaten, die im gleichen Atemzug alle Kriegsverweigerer oder Invalide diffamieren. Wir müssen in der Bewältigung der Krisen akzeptieren, dass es keinen eindeutigen Weg gibt, sie zu bewältigen. Müssen offen sein für kontroverse Meinungen und am Ende doch einen Nenner finden.

Ein klimaaktivistischer Aussteiger, der sein gesamtes Hab und Gut aufgibt um im Einklang mit der Natur zu leben hat nicht viel für den Klimaschutz bewegt. Ein radikaler Befürworter der Corona-Richtlinien, der sämtliche Bedenken oder Diskussionen ablehnt, wird die Pandemie nicht beenden. Ein Datenschutz-Aktivist, der sich komplett vom zentralisierten Internet abstöpselt, wird für kein besseres World Wide Web sorgen können.

Diese – vielleicht radikal karikierten – Beispiele sollen drei mögliche “Helden” zeigen, die im Zuge ihres Heldentums allerdings nach vorn stürmen und die Gesellschaft hinter sich lassen. Ich kann solchen Helden nur raten, sich vom Heroischen loszusagen, zurückzukehren auf den derzeitigen Stand der Gesellschaft – ohne dabei ihre Prinzipien aufzugeben – und versuchen mit ihrem Handeln auch andere zu ermutigen, an der bewältigung der Krise teilzunehmen.

Das Heldentum abzulegen heißt nicht, die Hoffnung aufzugeben oder seine Einstellung konservativer zu gestalten. Sondern es stellt die Herausforderung vom blinden Helden zum Visionär zu werden, der mit seinen Ideen und seinem Wirken vielleicht an neuen Standards mitwirken kann. Sodass das Bewältigen der Krise eines Tages vielleicht so selbstverständlich ist, wie heute einem Franzosen die Hand zu reichen.