Studienwechsel: Mut zur Konstruktivität

3. März 2020 0 Von schmuel

Ich habe meinen Studiengang inzwischen drei mal gewechselt – und nichts davon bereut. Wer sich von den gesellschaftlichen Zwängen löst, hat weniger Probleme dabei, seinen wissenschaftlichen Horizont abzustecken. Welche Erfahrungen ich gemacht habe und wie ich mein Studium Stück für Stück an meine eigenen Ansprüche anpasse, wird in diesem Beitrag erklärt

Nach dem Abitur habe ich mich direkt an der Otto von Guericke Universität in Magdeburg immatrikuliert. Studiengang: Informatik im Einfach-Bachelor. Zu dieser Entscheidung haben verschiedene Faktoren beigetragen. Der Standortfaktor Magdeburg war nicht nur (und nicht hauptsächlich) durch meine Familie begründet, die dort und in näherer Umgebung zu weiten Teilen ansässig ist, sondern dadurch, dass meine Flugschule in Magdeburg lag und meine Ausbildung noch nicht komplett abgeschlossen war. So war ich im ersten Jahr mehr oder minder an die Stadt Magdeburg gebunden. Einer Stadt, die mein ästhetikempfinden nie wirklich ansprechen konnte und in der ich mich nicht wirklich Zuhause fühlte. Dies sei auch die erste Lehre, die ich gezogen habe: Das Umfeld und die Wohnsituation sind entscheidende Faktoren für ein erfolgreiches Studium und dem Genuss am Lernen.

Ich habe nach einigem hin und her den Entschluss gefasst, mein Informatikstudium abzubrechen und habe sogleich begonnen, mir für die Zeit bis zum neuen Studium eine andere Beschäftigung zu suchen. So begann ich also meine Tätigkeit als Bundesfreiwilligendienstler an der Pressestelle des Theaters Magdeburg. Eine wundervolle und dankbare Arbeit: Den Tag verbrachte ich hauptsächlich damit, Zeitungen zu lesen und zusammenzufassen, Pressematerial vorzubereiten und ähnliche Büroaufgaben. So hatte ich meine erste Büroerfahrung gesammelt, mit der Erfahrung, mich dabei wohlzufühlen. Ich verdiente in der Zeit gutes Geld und verbrachte manch Nachmittag im Sommer lesend in den Eiscafés der Stadt. Freie Nachmittage und Sommerabende gab es genug, eine sehr angenehme Flexibilität, die Körper und Geist entspannen ließen.

Mit der Zeit formte ich mir meine Zukunftspläne zurecht. Aufgrund der hohen Dichte an Freunden in der Stadt Jena und auch (aber zunächst nicht hauptsächlich) aufgrund der Nähe zur Pforte war meine Entscheidung, in Jena zu studieren, schnell getroffen. Beim Studiengang entschied ich mich für einen Mehrfachbachelor, nämlich Politikwissenschaft im Kern- und Kommunikationswissenschaft im Nebenfach. Aus meiner Erfahrung in Magdeburg heraus traf ich für mich auch die Entscheidung, bei der Planung meines Studiums weniger strikt vorzugehen und den Regelstudienplan gekonnt zu ignorieren.

Das Pensum, das ich gewählt habe ging von einem Bachelor nach zehn Semestern aus. Ein aufgelockertes Studium sollte mir die Möglichkeiten geben auf der einen Seite mein Brot zu verdienen, denn ich bekam kein BaFöG, auf der anderen Seite mir Freiheit zu lassen und meine Lebensweise zu entschleunigen. Das war und ist meine größte Maxime, das Leben so entschleunigt wie möglich genießen. Leider stellte sich nach Einsicht der Studienordnung heraus, dass es unmöglich ist, länger als 8 Semester in einem Studienfach immatrikuliert zu sein, ohne durchzufallen. Fatal für meinen Plan, was in Magdeburg möglich war und ich vorausgesetzt hatte, war in Jena schlichtweg nicht gegeben. Selbst, wenn man genug Geld aufwenden kann für die Langzeitstudiengebühren ist das kein Garant dafür, dass man lange Zeit studieren kann.

Das Problem mit der Politikwissenschaft

Dass ich mein Studium wechseln musste und auf ein Teilzeitstudium umsteigen sollte, störte mich allerdings nicht. Denn ich habe während des Politikwissenschaftstudiums einiges über den Studiengang gelernt – und dabei auch ein anderes Interesse entwickelt. Das Problem mit dem Studiengang Politikwissenschaft – und ich glaube, dass wissen die wenigsten – ist, dass es den Schwerpunkt auf die Wissenschaft legt. Was trivial klingt, ist in Wirklichkeit aber auch wesentlich: Das Interesse an der Politik und an politischen Systhemen und politischer Theorie allein ist kein Indikator dafür, dass man auch interesse an der Politikwissenschaft hat.

Die Politikwissenschaft hat sich im Laufe der letzten Jahre extrem von der Realität und der öffentlichen Wahrnehmung entfernt. Gibt es zwar ein großes Interesse an der Politik, fällt der Wissenschaft die damit arbeitet, kaum Aufmerksamkeit zu. Woran das liegt, ist anhand des Studiums schnell zu erkennen. Es werden weniger die Prozesse, als die Modelle behandelt. Es wird weder mit der aktuellen oder der vergangenen Politik agiert sondern mit dem Auswerten von Umfragen und dem Ergründen von Modellen zur Wahlforschung oder Ähnliches. Die wissenschaftliche Grundlage hinter dem Studium darf vielleicht mit zugedrückten Augen als empirische Forschung durchgehen, dadurch aber, dass sie etwas nichtwahrnehmbares durch nichtmessbares versucht nachzuweisen – oder aber Trivialitäten in eine logische Form zu bringen, die die Trivialität zwar nicht aushebeln aber entstellen, verliert sie jeden gesellschaftlichen Wert.

Ich möchte niemandem die Freude an dieser Trivialität wegnehmen. Wohl aber ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Studium der Politikwissenschaft das Interesse an der Politik nicht bedient und andersherum das Interesse an der Politik keine Stütze im Politikwissenschaftsstudium ist. Wer sich jedoch mit Politischer Theorie befassen will und ohne Bezug zur Realität eine Freude an der Wissenschaft hat, dem sei das Politikwissenschaftsstudium ohne Hohn empfohlen.

Studium versus Ausbildung

Wenn ich im Freundeskreis davon berichte, dass ich meinen Studiengang zum zweiten mal wechsle und wieder einen neuen Weg einschlage, dann kommt der eine oder andere auf den Gedanken oder gar die Sorge, dass das Modell Studium nicht mit mir funktioniert und fragt mich, ob ich einmal eine Ausbildung in Erwägung gezogen habe. Heute, im Jahr 2020, ist es unter aufgeklärten Menschen längst keine Schande mehr, eine Ausbildung mit Abitur anzutreten. Vor gar nicht all zu langer Zeit, war die Meinung sehr verbreitet, dass man nach dem Abitur nur mit einem Studium etwas “ordentlich werden” oder sein Glück finden kann. Inzwischen ist weit verbreitet dass die Systeme Ausbildung und Studium nicht konkurrieren sondern jeweils ernsthafte Alternativen zueinander sind.

Was mir beim Studium oft gefehlt hat, war die Praxisnähe. Da käme eine Ausbildung als ernsthafte Alternative durchaus infrage. Denn ein Studium gilt im allgemeinen als sehr uneindeutig. (Das zeigt sich zum Beispiel an der typischen Frage “und was machst du dann damit?” wenn man seinen Studiengang präsentiert. Bzw auch daran, dass sich verschiedene Stereotype selten Erfüllen: Nicht jeder Jura-Student wird Anwalt. Nicht jeder Psychologie-Student wird Therapeut usw) Ein Studium ermöglicht verschiedene Wege in die Zukunft. Es kann maximal in Praxis-Semestern die Möglichkeit geben verschiedene Einsatzgebiete zu präsentieren.

Diese Aussage ist bis zu einem gewissen Punkt korrekt. Beim Studium der Politikwissenschaft ist mir jedoch aufgegangen, dass eines der sinnvollsten Tätigkeiten als Absolvent dieses Studienganges wohl die Arbeit als Wissenschaftler sei, denn ein anderer Anlaufpunkt zur Realität bietet sich schlecht. Zwar ist es für mich undenkbar im Studiengang Politikwissenschaft zu promovieren – ein Guter Grund zum Wechsel – doch habe ich durch diesen Gedankengang die Erkenntnis gewonnen, das Studium als Ausbildung zum Wissenschaftler zu erachten.

Diese Betrachtung gibt mir Mut. Denn das neue Tätigkeitsfeld, welches ich in der Stifung Schulfporta ausübe führt mich bereits an die Arbeit eines Historikers heran. Ich habe zum ersten Mal ein tatsächliches Interesse an der wissenschaftlichen Arbeit hinter einer Thematik nämlich der Geschichte. Deshalb möchte ich Geschichte studieren und gern auch Historiker werden, weil ich mir vorstellen kann, dass die wissenschaftliche Arbeit als Historiker – und das ist das wesentliche bei einem Studium – interessant für mich ist. Ein Studium besteht zu großen Teilen aus Methodenlehre, es ist deshalb unabdingbar ein großes Interesse dafür vorzuweisen.

Das Teilzeitstudium

Aus der Konsultation der zentralen Studienberatung der Friedrich Schiller Universität Jena ergab sich, dass die einzige Möglichkeit eines entschleunigten Studiums die Option Teilzeitstudium sei. Dieses könne man allein dadurch erreichen, indem man parallel zum Studium eine Erwerbstätigkeit mit mehr als 15 Wochenstunden aufweisen kann. Glücklicherweise trifft das auf meinen Fall zu, sodass ich ab Oktober die Möglichkeit habe in Teilzeit das Kernfach Geschichte zu studieren. Vorbereitend auf dieses Studium sei nicht nur meine Arbeit hier in der Stiftung, sondern auch verschiedene Kurse, die ich bis dahin belegen werde. Ich werde Vorlesungen des Studienfachs Geschichte besuchen und versuchen, an Seminaren teilzunehmen um einen möglichst umfassenden Eindruck zu erlangen.

Das Teilzeitstudium bietet mir im Ende die Möglichkeit in einem selbstgewähltem Pensum zu studieren und nebenher Praxiserfahrungen zu sammeln. Ich werde meine Arbeiten rund um das Thema Pforta verfassen können und die Fähigkeiten eines Historikers erwerben. So viel zur Vision. Ich setze mich nicht darauf Fest, dass meine dritte Studienwahl optimal sein wird. Aber ich bin zuversichtig, dass der Rahmen, der mir geboten wird weitere Eindrücke und Erfahrungen liefern kann.