Telegram und das Problem einschlägiger Berichterstattung. | Wechselwelt

Die Coronapandemie ist ein fruchtbringender Nährboden für Verschwörungsideologien und fragwürdige Netzwerke. In das Zentrum dieser Vernetzung wird derzeit Telegram gerückt. Die Anschuldigung: Telegram sei ein Hotspot für Schwarzmärkte, Verschwörungen und Misshandlungsnetzwerke. Meine Aufforderung: Genau hinschauen.

Zunächst: Telegram ist nicht perfekt. Kritik am Messenger und an den Hintermännern dieses Dienstes ist durchaus berechtigt und soll in diesem Beitrag auch angeführt werden. Allerdings findet diese berechtigte Kritik kaum Platz in der derzeitigen Berichterstattung. Woher kommt es, dass für die gesellschaftliche Spaltung ausgerechnet ein Messenger verantwortlich gemacht wird?

I: Eine Betrachtung von Telegram unabhängig der Verschwörungen

Telegram ist ein Messenger mit insgesamt ca 400Mio aktiven Nutzern, der durch seine hohe Leistungsfähigkeit und seinen offenen Quellcode sehr viele Anwendungsfälle anbietet und dabei durchaus transparent auftritt. Der offene Quellcode ermöglicht es der Community, selbstgemachte Userports zu erstellen, sodass im Grunde jeder seine eigene App zur Telegramschnittstelle entwickeln kann.

Außerdem punktet Telegram mit verschiedenen in-build Funktionen, die der Konkurrent WhatsApp gar nicht oder erst wesentlich später implementierte. Hierzu gehören neben der Telefonie und der Videotelefonie zunächst die Sticker und die zahlreichen Bots. Weiterhin gibt es recht einfache Möglichkeiten, das Farbdesign von Telegram nach eigenen Wünschen anzupassen. Das ist sicher keine elementare Funktion, die bei keinem Chat-Dienst fehlen darf, aber es ist vor Allem eins: nutzerfreundlich und anpassbar.

Neben den verschiedenen Features von Telegram, die es zweifellos an die Spitze des Konkurrenzkampfes der Chatdienste befördern, kommt Telegram auch noch mit einer weiteren wichtigen Eigenschaft daher: der Cloudspeicher. Alle Chats und Dateien werden sicher in der Telegram-Cloud gespeichert und verwaltet. Wie sicher? Im Jahr 2013 und im Jahr 2014 schrieb Telegram zunächst 200.000$ und dann 300.000$ aus für denjenigen, der es schaffe die Telegramserver zu hacken. Beide Hackingcontests liefen ohne Sieger aus. (siehe hier) Dies ist sicher nur ein Indikator dafür, dass das selbst entwickelte und verwendete MTProtokol sicher ist.

Telegram bietet darüber hinaus auch an, sogenannte geheime Chats zu führen. Diese Chats werden nicht zentral auf einem Server gespeichert, sondern finden im Rahmen einer Peer-to-peer Verbindung statt. Die einzige Möglichkeit, diese Sicherheitsstufe zu durchbrechen besteht darin, einen der beiden Peers zu infiltrieren. Ein Zentraler Abgriff aller geheimen Chats ist deshalb nicht mehr möglich.

II: Es ist nicht alles Gold

Kritik an Telegram ist durchaus berechtigt. Immerhin birgt die Cloudspeicherung der Daten zumindest das Risiko, dass die Chats, welche nicht als geheime Chats geführt werden, geklaut und analysiert werden. Zwar ist die Verschlüsselung von Telegram bislang ungebrochen – allerdings ist diese Aussage so verlässlich wie das Versprechen eines unsinkbaren Schiffes. Wer wirklich auf der sicheren Seite sein will oder vertrauliche Informationen austauschen möchte, der sollte unbedingt den geheimen Chat auswählen. Ein möglicher und oft genutzter Kritikpunkt ist, dass diese Funktion zunächst händisch ausgewählt werden muss. Der Grund: Telegram ist ein Cloud-Chat Service. Er punktet damit, dass er auf mehreren Geräten gleichzeitig und auch ohne Smartphone funktioniert. Diese Funktionalität würde durch Peer-to-peer eingeschränkt werden.

Eine weitere mögliche Kritik, an der man anknüpfen kann, ist, dass Telegram kein ordnungsmäßiges Impressum führt. Die Erfinder Telegrams sehen sich selbst als Webnomaden, die keinen festen Standort haben und verzichten deshalb auf das Impressum. Eine Fahrlässigkeit, die außerdem verschleiert, wer denn nun tatsächlich hinter Telegram steckt. Sehr triftiger Grund für eine Kritik.

Außerdem haben sich der Telegram-Gründer Pawel Durow einen eigenartigen Ruf erarbeitet, indem er beispielsweise für große Menschenansammlungen gesorgt hat, indem er aus seinem Büro 5.000 Rubel Scheine in Form von Papierfliegern warf. Mit anderen Worten: ein durchaus zweifelhaftes Verhalten, was die Gründer da an den Tag legen.

Es wäre sicher sinnvoll, hier einmal detailliert zu recherchieren, journalistisch zu arbeiten und dabei vielleicht umstände aufzudecken oder zu klären, die tatsächlich eine mögliche Kritik an Telegram fundieren würden. Dies ist allerdings bislang nicht erfolgt, die Medienwelt beschränkt sich lieber auf irreführende Berichterstattung

III: Was die Medien falsch machen

Anstatt diesen brisanten Inhalt journalistisch aufzuarbeiten, konzentriert sich die derzeitige Medienlandschaft auf einen anderen Aspekt von Telegram: Seine Nutzer. Auf Telegram tummeln sich allerlei Nutzer und Gruppen. Aufgrund der hohen Leistungsfähigkeit der TelegramCloud kann man mitunter auch gigantische Gruppen und Kanäle führen, die gleichzeitig mehrere Tausend Menschen erreichen. Von diesen Gruppen machen ganz unterschiedliche Personen oder Interessengruppen gebrauch. Neben Stiftungen, OpenSource Projekten oder.. Katzenbild freunden finden sich eben auf Telegram auch solche Interessen wieder, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Dazu gehören Kanäle von Verschwörungstheorien, die jeden Quatsch von der Hohlerede bis zu Reptiloiden verbreiten. Oder auch verschiedene Schwarzmärkte, auf denen man mitunter gefälschte Markenmode erwerben kann, die gegebenenfalls unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wurde. Kurz: Das Lieblingschaos der 0815-Journalisten.

Es ist schlichtweg sachlich falsch, Telegram für seine Nutzer verantwortlich zu machen. Analog dazu kann man auch das Internet verteufeln, weil es ebenfalls eine Plattform für viele schleierhafte oder illegale Aktivitäten liefert. Im gleichen Stil könnte man auch Bücher verteufeln, weil die Existenz von Büchern maßgeblich zum Erfolg von Hitlers “Mein Kampf” geführt haben. Kurz: in allen Dingen wird sich etwas Schlechtes finden lassen. Nur ist das Schlecht zumeist nicht das Wesen dieser Dinge.

Ohne Telegram, sähe die Gesellschaft nicht anders aus. Verschwörungstheorien und Hetze sind nicht von ihrer Plattform abhängig, sondern von den Menschen, die sie verbreiten. Es ist irrsinnig zu glauben, dass Telegram nun besonders fruchtbaren Boden für solche Hetzer bieten würde. Facebook und andere Foren sind da in keinerlei Hinsicht besser oder weniger anonym.

IV: Fazit

Die Medien stürzen sich mal wieder auf den nächstbesten Sündenbock. Davon sind derzeit nicht einmal die sonst sehr sorgfältig recherchierenden Medien des öffentlichen Rundfunks ausgenommen. Selbst in Fachmagazinen wie Heise schleicht sich gelegentlich mal ein veröffentlichter Kommentar ein, der die Sachlage komplett falsch wiedergibt. Woran das liegt, ist fast schon trivial: es wird geliefert, was von Interesse ist. Telegram hat seinen Ruf als “Darknet für Anfänger” schon längst fest an sich haften.

Unsere Verantwortung besteht darin, jetzt nicht überzureagieren. Als Telegramnutzer weiter souverän aufzutreten und mit Geduld diejenigen aufzuklären, die den falschen Berichten der verschiedenen Medien erliegen. Es wäre falsch, an dieser Stelle ein allgemeines Misstrauen gegen den Journalismus auszusprechen. Richtig hingegen ist es, mit Irrtümern aufzuräumen, sich selbst in der Verantwortung zu sehen, die Wahrheit zu verteidigen und mit Bestimmtheit den faktischen Argumenten treu zu bleiben.

Außerdem kann ich nur dazu raten, aufgeschlossen zu bleiben. Sich zum Beispiel nicht den Argumenten der Gegenseite zu verschließen, sondern auch die Kritik wahrnehmen und entsprechend immer zu überlegen, ob sich daran etwas Standhaftes findet. Es kann nämlich durchaus eines Tages sein, dass Argumente ans Tageslicht kommen, die den hier dargestellten Stand der Dinge überholen, die ein wirkliches Missfallen an Telegram rechtfertigen und zu einer sofortigen Kündigung der Mitgliedschaft führen könnten. Die hier dargestellte Wahrheit gilt nicht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen