Linux-Smartphones – Eine Liebeserklärung | Datenkrakenkampf Spezial

Besonders im letzten halben Jahr habe ich die Welt des mobilen Linux für mich entdeckt und ich muss mir eingestehen: ich habe mich verliebt in die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten.

Der Markt der mobilen Betriebssysteme wird primär von Apples iOS und Googles Android dominiert. Android ist OpenSource, weshalb es inzwischen auch viele Googlefreie oder trackingfreie Derivate davon gibt. Volla OS, Graphene, /e/ OS und Lineage sind einige dieser bekannteren Projekte. Diese Projekte allerdings stellen bereits eine Minderheit auf dem mobilen Markt dar und sind dennoch in ihrer gesamtheit um einiges größer als die alternativen Linux-Systeme.

Zunächst für die Klugscheißer: Ja, Android ist auch ein Linux. Aber wie es Lennart Diener bereits auf Linuxnews dargestellt hat: es ist das vielleicht schlechteste Linux auf dem Markt. Isoliert sich von allen Möglichkeiten und Werten, die mit dem Begriff Linux verbunden werden und ist das schwarze Schaf in der Familie der mobilen Betriebssysteme auf Linux Basis.

Mit dem Handy kann man doch nicht….

Ich habe eine Zeit lang das ganz normale Stock Android genutzt auf einem beliebigen Smartphone und damit den vielleicht typischen Anwender dargestellt: Nachrichten schreiben, Telefonieren, Googlen, Social Media betreiben, Spielen, Medien konsumieren – Ende.

Die allermeisten Smartphone-Nutzer würden mir sicher zustimmen, dass das so ungefähr das Maximum dessen ist, was man mit einem Smartphone bewerkstelligen kann. Doch gibt es für diese Aussage keinen wirklichen Grund, denn die Wahrheit ist: Android limitiert die Fähigkeiten des Gerätes. Die Prozessoren, die heute in solchen alltagsüblichen Geräten verbaut sind, reichen längst aus, um ein ganz normales Linux zum Laufen zu bringen.

Ubuntu Touch – eines der bekanntesten alternativen Betriebssysteme bietet seinem Nutzer eine vollkommen neue Erfahrung. Kompatible Geräte können mittels eines USB-C Hubs an Tastatur, Maus und Bildschirm angeschlossen werden. Aus einer mobilen Oberfläche wird ein Desktop. Dieses “Konvergenz” genannte Prinzip brennt sich wohl jedem Nutzer, der diese Erfahrung macht, sehr tief ein. Es ist ein Zeichen dafür, dass die einschränkenden Ketten des Android gebrochen werden können. Es ist die digitalgewordene Friedenstaube, die die Freiheit im Schnabel trägt.

Ubuntu Touch auf dem VollaPhone nebst Ubuntu Mate auf dem Laptop (GPD Pocket 2)

Ubuntu Touch bietet mittels Libertine die Möglichkeit, auf dem Smartphone Desktop-Programme auszuführen. Tabellenkalkulationen, Präsentationen, Textbearbeitung… übliche Büroanwendungen finden sich nun auf einem kleinen Gerät, welchem man dank der Android-Doktrin kaum dergleichen zugetraut hätte

Nachhaltigkeit

Ubuntu Touch ist bei vielen Nutzern sehr beliebt, weil es ein ausgereiftes System ist. Es ist schon jetzt eine großartige Alternative zu den etablierten Systemen und reif genug, im Alltag eingesetzt zu werden. Darüber hinaus stellt UbuntuTouch auch einen wichtigen Meilenstein hinsichtlich der Nachhaltigkeit dar. Besitzer eines Google Nexus 4 beispielsweise sei dringend abgeraten, das Gerät mit dem mitgelieferten Android zu betreiben. Die aktuellste Android Version 5.1.1 (Lollipop) wird seit 2015 nicht mehr mit Updates versorgt. Das Gerät wäre damit faktischer Elektroschrott – und dies gerade mal gut zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Gerätes! Doch dank Ubuntu Touch ist das Nexus 4 auch heute noch (fast 9 Jahre nach der Markteinführung!) ein aktuelles und brauchbares Gerät.

Dabei spielt es keine Rolle, dass die verbaute Technik im Gerät heute als “veraltet” betrachtet wird: denn wichtiger als eine aktuelle Hardware ist ein gutes Zusammenspiel mit der Software. Dieses Zusammenspiel ist gegeben und ermöglicht auch heute noch einen sehr zufriedenstellenden Alltag mit dem Nexus 4. Mobiles Linux macht es möglich.

Die gleichen Schranken

Ubuntu Touch setzt auf eigene Apps, die für das System entwickelt worden. Das heißt wenn ich beispielsweise Telegram auf meinem Ubuntu Phone nutzen möchte, dann verwende ich dafür die App Teleports von Florian Leeber. Die läuft einigermaßen gut und bietet einen (wenn auch leicht beschränkten) Zugang zum Funktionsumfang von Telegram.

Teleports auf UbuntuTouch ist der einzige Native Telegram-Client

Der Vorteil dieses Systems ist, dass die App-Entwickler einen sehr definierten Rahmen haben, auf welchen Sie die Funktionsweisen der App anpassen können. Der Nachteil ist, dass ein Entwickler oder eine Gruppe von Entwicklern unmöglich in der gleichen oder überhaupt einer vergleichbaren Geschwindigkeit die Anwendungen zu aktualisieren und zu pflegen, wie es die Quelle (Beispielsweise Telegram) tut. Der Effekt: Nutzer von Teleports können erst sehr viel später oder vielleicht nie alle Funktionen der nativen App nutzen.

An die Anzeige: “Nicht unterstützte Nachricht” muss man sich allerdings gewöhnen…

Eine weitere Problematik des App-Prinzips: Es werden ähnliche Schranken errichtet wie bei Android. Die Grundhaltung, dass man zum Erledigen einer Sache zunächst nach einer App suchen muss, bleibt bestehen. Auch wenn die Hürde, im Zweifelsfall seine eigene App zu entwickeln geringer ist: auch wenn es für viele Anwendungsbereich ebereits viele Möglichkeiten gibt: Die Apps bleiben ein Grundpfeiler des Betriebssystems.

Auch Ubuntu Touch setzt auf einen eigenen AppStore

Erst der Anfang

Ubuntu Touch ist trotz dieser gleichen Schranke ein grandioses Projekt, denn es ermöglicht seinen Nutzern, sich von Google und co. zu emanzipieren. Es stellt eine feste Brandung in der Sturmflut der Datenkraken dar. Doch ist es erst der Anfang.

Das derzeit noch sehr experimentelle System Droidian macht vor, wie die Zukunft der mobilen Linuxwelt aussehen könnte. Neben den Kernprinzipien der Konvergenz stellt Droidian nämlich ein echtes Debian dar, welches in der Lage ist Wayland auszuführen und ganz normale Desktopanwendungen auf das Smartphone bringt. Und das nicht in einem Libertine container – sondern nativ.

Die Desktop-Blender App auf dem Smartphone

Das bedeutet, dass Nutzer nicht mehr auf einen Port einer Anwendung angewiesen sind: In meinem Test habe ich auf dem Volla Phone mittels apt Wayland installiert, anschließend Telegram Desktop, Globulation 2 und selbst Blender läuft einigermaßen akzeptabel auf dem Gerät. Dass ich sämtliche Anwendungen, Aktualisierungen und Patches mittels SSH von meinem Heimrechner aus installieren kann ist selbstverständlich.

Es gibt für Globulation2 keine Mobile-App. Auf Droidian läuft es dennoch

Letztendlich wollte ich wissen, wie weit ich es treiben kann und habe meine Telegram-Bots auf Droidian installiert: Sie liefen ohne Probleme mehrere Tage lang. Und selbst das Drucken von PDF Dateien lief nach der installation von CUPS via APT ohne Probleme.

Mein Telegram-Bot läuft auf dem Phone genau wie auf dem Desktop.

Droidian ist derzeit in einer sehr sehr frühen Entwicklungsphase. Es basiert auf Debian, verwendet Phosh (Gnome) als Oberfläche und hängt in vielerlei Funktionen derart hinter dem Standard, dass es als Daily-Driver kaum zu gebrauchen ist. Auch laufen längst nicht alle Desktop-Programme so sauber wie die genannten. Mitunter kann es viel Geduld und Hingabe abverlangen um einfachste Aufgaben zu erledigen. Wer es ausprobieren möchte, sollte sich daher darüber im Klaren sein, womit er es zu tun hat. Aber es ist meine neue Friedenstaube: Das nächste große Zeichen, der nächste große Schritt zur ultimativen Freiheit.

Phosh, die mobile Gnome-Oberfläche kann sich durchaus blicken lassen.

Der PocketPC der Zukunft ist mobiles Linux.

Vor einiger Zeit habe ich mich gefragt, was eigentlich mit den PocketPCs passiert ist. Für mich waren diese Geräte unfassbar praktisch und spannend zugleich. Boten sie doch den Funktionsumfang der Büroanwendungen in einem ultramobilen Format. Einige Gespräche unter Freunden brachten hervor, dass die PocketPCs vermutlich durch Smartphones vom Markt verdrängt wurden. Eine Zeit lang habe ich mich mit der Antwort sogar zufriedengegeben.

Seit ich jedoch mobiles Linux kenne weiß ich: Ein Android oder iOS kann niemals auch nur im Ansatz bieten, was ein PocketPC heute bieten müsste. Natives Drucken, Büroanwendungen, SSH Zugriffe, Terminal-Funktionen, Server- und Desktopanwendungen: Das sind die Notwendigkeiten, die ein Gerät heute mitbringen muss, um als PocketPC fungieren zu können. Android und iOS bieten dies entweder nur über Umwege oder gar nicht an.

Ich glaube nicht, dass sich Droidian, UbuntuTouch oder andere Linux-Systeme jemals auf dem Markt durchsetzen werden. Die Dominanz von Google, Apple, Facebook, Microsoft und anderer Giganten ist einfach zu groß geworden. Doch beobachte ich diese Entwicklung der Systeme mit großer Hoffnung: Denn selbst wenn die Mehrheit den Nutzen mobiler Linuxsysteme nie kennen wird: Ich kenne und liebe ihn. Mobiles Linux ist meine Hoffnung, meine Friedenstaube.